Du kannst dir deine Rebellion kaufen. Gleich hinter dem Kottbusser Tor an einem der ein Dutzend Stände, die sich dort alle brav hintereinander aufgereiht haben. Ein Euro Pfand. Oder weiter hinten für 19, 95 einen Kapuzenpulli mit der Aufschrift "Gegen Kapitalismus". Berlin braucht kein Oktoberfest, Berlin hat den ersten Mai. Zwischen den Essensständen, den Aktionstreffs und Bühnen, auf denen Punkbands ihre Parolen ("Diiiiiie!!! Scheiß Faschisteeeen..!!") brüllen, drängeln sich kleine Kinder, die das alles ganz aufregend finden, eine Hippiemama schnauzt mich - erstaunlich unentspannt - an ich solle gefälligst Platz machen für ihren Kinderwagen samt Kind und so lasse ich mich vom Menschenstrom durch die Oranienstraße ziehen. Was für eine Show. An den Wänden der Häuser rufen rot-schwarze Plakate zur "Revolution!!" auf, und dennoch - ein buntes Fest, einem Freizeitrummel um einiges ähnlicher als einem politischen Statement.
Zuvor in der U-Bahn stand ich mit einem Haufen anderer Menschen dicht and dicht, als ein junger Türke neben mir seufzend zu seiner Freundin meint ".. und es wird heute ja doch wieder nicht passieren..", darauf ein Typ, der bis dahin unbeteiligt daneben stand, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden und mit todernster Stimme: "doch, mann,
heute wird's passieren.." Ich musste lächeln. ES.
Zusammen mit unglaublich viel anderen Menschen warten wir schließlich auf
es. Das große Etwas, das in der Luft liegt, das keiner kennt und das doch stark genug ist einen riesigen Haufen Leute mit Transparenten unterschiedlichster Beschriftungen - von Save Tibet bis zur Alliance Against Germany - auf dem Platz vor dem Kottbusser Tor zusammen zu bringen um gemeinsam zu demonstrieren. Worfür genau scheint keiner so wirklich zu wissen, an wen die Appelle gerichtet sind auch nicht, ist aber auch nicht weiter schlimm, schießlich geht es um Kampf und Revolution, da darf man sich nicht mit Details aufhalten.
Wir warten. Die offizielle Kundgebung zieht sich hin, das Publikum wird sichtlich unruhig und ungeduldig, man will schließlich Steine werfen und Autos anzünden. Dann schließlich setzt sich die Masse - nach einem langen Nachmittag schon gut angetrunken und in Stimmung - langsam in Bewegung. Und habe ich geglaubt noch nie soviele Punks und Hippies gesehen zu haben, so hab ich meinen Augen kaum trauen können was für ein riesiges Polizeiaufgebot an diesem ersten Mai präsent war. My oh my. Polizisten mit weißen Helmen und grimmigen Gesichtern stehen in unendlichen Reihen am Straßenrand und sehen aus als hätte man ihnen die Butter vom Brot geklaut. Verübeln kann man es ihnen nicht.
"Lasst euch nix von den Bullen gefallen!", brüllt ein Moderator vom LKW und klingt wie ein Animateur bei einem Spiel. Räuber und Gendarm heisst es. "Yeeeeeah!", brüllt die Masse zurück und schwingt ihre Fahnen und Transparente und ich habe das Gefühl im falschen Film zu sein. Das hört sich nach Hetze an und nicht nach Revolution. Ich stelle mich in keinster Weise auf die Seite des Staates und der Polizei, aber muss denn wirklich auch noch dazu aufgerufen werden Konflikte heraufzubeschwören? Ist es tatsächlich nötig auch noch Öl ins Feuer zu gießen?
Ach, und es wirkt alles so geplant, die Demo, die Polizei, ja selbst später die doch eher zaghaften Steinwurf- und Mülltonnenbrennaktionen laufen so routiniert ab, dass ich mich wie ein Statist fühle, der in einem schlechten Theaterstück mitspielt und sich nicht erinnern kann, wo der Ausgang ist..
Na gut. Ich bin offensichtlich nicht zur Rebellin geboren. Es wird kein Luke Skywalker aus mir.
Dann doch eher der Hippie mit der Blume im Mund.