Du machst.. Politik! und der Tag, an dem Neukölln explodierte
Geräuschkulisse: Vois sur ton chemin - Les Choristes
Ich war Politik machen. Sozusagen. Oder ich mache Politik. Oder wir alle machen Politik. Einen Blog schreiben ist Politik machen, Reden, Diskutieren, Workshoppen, ein kleines Kreuz auf ein Stück Papier kritzeln und in einen Pappkarton werfen, das ist Politik. Oder?
Berlin08 Festival. Ein bisschen verloren gefühlt habe ich mich schon zwischen Gregor Gysis sozial-utopischen Wunschtraum und der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika, von der es mir so schwer fällt zu glauben, dass sie der südafrikanischen Bevölkerung tatsächlich soviel Positives bringt, wie alle hoffen. Und dass wir in einer Art neuer Überwachungsstaat leben, wissen wir ja alle längst, und trotzdem lassen mir die Details eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Nun ja. Es war alles sehr spannend, sehr interessant und hat mich sowohl frustriert als auch ermutigt, so wie man das Glas manchmal halbleer und manchmal halbvoll sieht. "Ich will da sein, wenn die Zeit gefriert", meinten Wir sind Helden zum Abschluss am Samstag abend und diesmal hatte ich eine schöne Gänsehaut und habe mich gefreut, dass auch Madsen da waren, die wir bei unserem ersten Heldenkonzert kennen gelernt haben. Japp, ich mag Rahmenhandlungen. Ich will da sein..
Piuuuuuuuu...... BUMMMMM!!!! - Nein, kein Erdbeben hat Berlin erschüttert, keine Gasleitung ist in die Luft gegangen, kein SuperGAU. Vom ersten Schreck erholt frage ich meine Schwester, die an der Strippe habe, "Himmel, was ist passiert?! Doch nicht etwa...?".. aber da höre ich schon das Geschrei und Gejohle auf den Straßen und mein Vater brummelt im Hintergrund die Bestätigung meiner Annahme. Ein sensationelles 3:2 für die Türkei durch drei Tore in den letzten 15 Minuten. Neukölln jubelt nicht, Neukölln explodiert. Auf dem Balkon unserer WG kann ich kaum mehr das Gespräch am Telefon verfolgen, überdröhnt von Endloskorsos in der Hermannstraße, dem Feuerwerk, dass sich über den Neuköllner Nachthimmel schüttet und dem Schreien, dem jubelnden Gebrüll eines türkischen Neuköllns, das wie der Rest der Fußballwelt wohl nicht mehr mit einem Sieg gerechnet hatte. Naja, die EM braucht die Türkei jedenfalls nicht mehr zu gewinnen, steigern lässt sich diese Party nämlich nicht mehr.
