Russlands lange Schatten, Tallinn und wir doch so weit weg
Wo soll ich beginnen? Bei Tallinn, den kaputten Geschäften, den eingeschlagenen Fenstern in der estnischen Nationaloper und den verbrannten Flaggen? Oder unserem Wochenende, das wir, mehr als nur die tatsächlichen 150km von Tallinn weit entfernt, auf der friedlichen, stillen Insel Hiiumaa verbrachten, wo wir von den Ereignissen in der Hauptstadt rein gar nichts mitbekommen hätten, wenn es nicht Fernseher und Radio gäbe. Krasse Gegensätze, und doch zeigt es, wie unterschiedlich Estland in seiner Gesamtheit ist. Auf der einen Seite Tallinn und auf der anderen... der Rest. Land, Wald und Bauernhöfe. Und kleine Städte wie Viljandi.
Ich weiss nicht genau, wie viel man in Deutschland davon erfahren hat, aber jemand hat mir erzählt, es wäre auch in der Tagesschau gekommen. Fakt ist jedenfalls, dass in den Nächten Freitag auf Samstag und Samstag auf Sonntag in Tallinn Aufruhr und Randale statt gefunden haben. Aus ganz Estland kamen Russen in Tallinn zusammen, um auf das Verrücken eines sowjetischen Monumentes zu reagieren, was in ihren Augen ein Akt des Faschismus gegen die Russen in Estland und fehlender Respekt vor der russischen Geschichte sei. Und, na klar, geht es dabei auch um den immer noch bei vielen Russen unerschütterten Glauben, dass Estland Teil Russlands/der Sowjetunion sei und wenn diese kleine Republik tatsächlich glaubt, unabhängig zu sein, muss ihnen eben ein Denkzettel verpasst werden. Und so wurde in der Nacht nach der Denkmalwegbewegung eine Krawalle gestartet, wie es sie in Estland noch nicht gegeben hat. Umgekippte Autos, zerschlagene Fensterscheiben von Läden und Bushaltestellen, Prügeleien, Plünderungen (übrigens auch in russischen Läden) und immer wieder die Schreie "Faschisten!!". Faschisten? Ich weiß nicht. Klar, jeder kann sich seine Meinung dazu bilden. Aber ich glaube, dass die, vornehmlich jungen, Russen zu jener Gruppe gehören, die sich selbst nicht integrieren wollen. Die weder Estnisch sprechen können oder lernen wollen, somit weder Ausbildung noch Arbeit finden und die aber dennoch hier bleiben und von "Faschismus" und "Anti-Russischer Einstellung der Esten" reden. Ergebnis dieser zwei Nächte sind ein Toter (ein Russe von einem anderen Russen getötet), hunderte Verletzte und Festnahmen und (als ich heute mit der Straßenbahn durch das Zentrum von Tallinn gefahren bin, hab ich es gesehen) Polizeipatroullien überall in der Stadt, vernagelte Fenster von Gucci und Sportland und ein seltsames Gefühl in der Luft, dass das Bild des sonnigen, idyllischen Tallinns ein bisschen erschüttert hat. Wie ein Stück Unschuld, das plötzlich verloren gegangen ist. Und das, obwohl das alles schon zuvor da war, es fehlte nur dieser eine Tropfen und man wird wachgerüttelt aus einem Traum, der vielleicht nie da war.
Aber wie gesagt, während sich in Tallinn Esten und Russen die Köpfe einschlugen, waren wir, Ana-Lena, Camille, Szilvia und ich in einer anderen Welt, und so seltsam es klingt, so war es auch. Der Plan war mit Rädern die Insel zu erschließen und die Nächte in einer RMK-Holzhütte im Wald zu übernachten. Nicht viel geplant, aber wild entschlossen stürzten wir uns auf unsere Fahrräder und ins Abenteuer. Die Insel ist wunderschön. Es gibt keine Radwege, aber dafür Straßen ohne Autos. Ganz im Ernst, wir sind manchmal stundenlang auf der Straße gefahren und ein oder zwei Fahrzeugen begegnet. Die einzigen Geräusche waren das Surren unserer Räder, die Vögel und unser Gelächter. Und so fuhren wir Freitag in der Abendsonne durch die Landschaft. Bis, naja, bis es schließlich stockdunkel war, das eine Fahrrad einen Platten hatte und wir immer noch 20km von unserem Haus entfernt waren. Da war guter Rat teuer. Nach allen möglichen verzweifelten Ideen, die alle nicht hinhauten, blieb uns schließlich keine Wahl als an einem der wenigen erleuchteten Häusern zu schellen und zu fragen, ob sie vielleicht irgendwie einen Schlafplatz für uns hätten. Die Antwort blieb nicht aus und so durften wir, kaputt und geplättet von so großartiger Gastfreundschaft, im Wohnzimmer eines netten Schwesternpaares schlafen, wo es warm war und gemütlich und bekamen am nächsten Tag sogar ein leckeres Frühstück. Uns fehlten wirklich die Worte bei so viel Freundlichkeit.
Den nächsten Tag sind wir dann viel durch die Gegend und am Meer entlang gestrampelt und haben noch Hedi, eine Estin und Freundin von uns, die in Viljandi studiert, aber aus Hiiumaa stammt, getroffen, deren Familie und Freunde uns noch mit dem Auto einige schöne Plätze gezeigt haben. Phuuuu, aber hinterher waren wir so fertig, dass wir ohne Essen in die Betten gefallen sind (wir durften bei Hedi schlafen :)) und unsere Beine immer noch schmerzten, als wir heute morgen um viertel nach 6 uns wieder auf die Räder schwangen um pünktlich die Fähre zu bekommen. Jaajaa, wir sind scho tapfa... Insgesamt die drei Tage übrigens mehr als 90km. Aber obwohl es manchmal sehr anstrengend war, hat es sich so unglaublich gelohnt, das Wetter war mehr als großartig, das Eis am Morgen auf den Feldern war wunderschön und das Blau der Seen und Bäche unbeschreiblich. Die nächste Woche werde ich zwar erstmal nicht auf einem Fahrrad verbringen (ich spüre den Sattel immer noch am Hintern...), aber mit Bildern im Kopf von schöner Natur, dem Gefühl von Wind in den Haaren und der zufriedenen Gewissheit in Estland einen Elch gesehen zu haben.

