Sonntag, April 29, 2007

Russlands lange Schatten, Tallinn und wir doch so weit weg

Wo soll ich beginnen? Bei Tallinn, den kaputten Geschäften, den eingeschlagenen Fenstern in der estnischen Nationaloper und den verbrannten Flaggen? Oder unserem Wochenende, das wir, mehr als nur die tatsächlichen 150km von Tallinn weit entfernt, auf der friedlichen, stillen Insel Hiiumaa verbrachten, wo wir von den Ereignissen in der Hauptstadt rein gar nichts mitbekommen hätten, wenn es nicht Fernseher und Radio gäbe. Krasse Gegensätze, und doch zeigt es, wie unterschiedlich Estland in seiner Gesamtheit ist. Auf der einen Seite Tallinn und auf der anderen... der Rest. Land, Wald und Bauernhöfe. Und kleine Städte wie Viljandi.

Ich weiss nicht genau, wie viel man in Deutschland davon erfahren hat, aber jemand hat mir erzählt, es wäre auch in der Tagesschau gekommen. Fakt ist jedenfalls, dass in den Nächten Freitag auf Samstag und Samstag auf Sonntag in Tallinn Aufruhr und Randale statt gefunden haben. Aus ganz Estland kamen Russen in Tallinn zusammen, um auf das Verrücken eines sowjetischen Monumentes zu reagieren, was in ihren Augen ein Akt des Faschismus gegen die Russen in Estland und fehlender Respekt vor der russischen Geschichte sei. Und, na klar, geht es dabei auch um den immer noch bei vielen Russen unerschütterten Glauben, dass Estland Teil Russlands/der Sowjetunion sei und wenn diese kleine Republik tatsächlich glaubt, unabhängig zu sein, muss ihnen eben ein Denkzettel verpasst werden. Und so wurde in der Nacht nach der Denkmalwegbewegung eine Krawalle gestartet, wie es sie in Estland noch nicht gegeben hat. Umgekippte Autos, zerschlagene Fensterscheiben von Läden und Bushaltestellen, Prügeleien, Plünderungen (übrigens auch in russischen Läden) und immer wieder die Schreie "Faschisten!!". Faschisten? Ich weiß nicht. Klar, jeder kann sich seine Meinung dazu bilden. Aber ich glaube, dass die, vornehmlich jungen, Russen zu jener Gruppe gehören, die sich selbst nicht integrieren wollen. Die weder Estnisch sprechen können oder lernen wollen, somit weder Ausbildung noch Arbeit finden und die aber dennoch hier bleiben und von "Faschismus" und "Anti-Russischer Einstellung der Esten" reden. Ergebnis dieser zwei Nächte sind ein Toter (ein Russe von einem anderen Russen getötet), hunderte Verletzte und Festnahmen und (als ich heute mit der Straßenbahn durch das Zentrum von Tallinn gefahren bin, hab ich es gesehen) Polizeipatroullien überall in der Stadt, vernagelte Fenster von Gucci und Sportland und ein seltsames Gefühl in der Luft, dass das Bild des sonnigen, idyllischen Tallinns ein bisschen erschüttert hat. Wie ein Stück Unschuld, das plötzlich verloren gegangen ist. Und das, obwohl das alles schon zuvor da war, es fehlte nur dieser eine Tropfen und man wird wachgerüttelt aus einem Traum, der vielleicht nie da war.

Aber wie gesagt, während sich in Tallinn Esten und Russen die Köpfe einschlugen, waren wir, Ana-Lena, Camille, Szilvia und ich in einer anderen Welt, und so seltsam es klingt, so war es auch. Der Plan war mit Rädern die Insel zu erschließen und die Nächte in einer RMK-Holzhütte im Wald zu übernachten. Nicht viel geplant, aber wild entschlossen stürzten wir uns auf unsere Fahrräder und ins Abenteuer. Die Insel ist wunderschön. Es gibt keine Radwege, aber dafür Straßen ohne Autos. Ganz im Ernst, wir sind manchmal stundenlang auf der Straße gefahren und ein oder zwei Fahrzeugen begegnet. Die einzigen Geräusche waren das Surren unserer Räder, die Vögel und unser Gelächter. Und so fuhren wir Freitag in der Abendsonne durch die Landschaft. Bis, naja, bis es schließlich stockdunkel war, das eine Fahrrad einen Platten hatte und wir immer noch 20km von unserem Haus entfernt waren. Da war guter Rat teuer. Nach allen möglichen verzweifelten Ideen, die alle nicht hinhauten, blieb uns schließlich keine Wahl als an einem der wenigen erleuchteten Häusern zu schellen und zu fragen, ob sie vielleicht irgendwie einen Schlafplatz für uns hätten. Die Antwort blieb nicht aus und so durften wir, kaputt und geplättet von so großartiger Gastfreundschaft, im Wohnzimmer eines netten Schwesternpaares schlafen, wo es warm war und gemütlich und bekamen am nächsten Tag sogar ein leckeres Frühstück. Uns fehlten wirklich die Worte bei so viel Freundlichkeit.
Den nächsten Tag sind wir dann viel durch die Gegend und am Meer entlang gestrampelt und haben noch Hedi, eine Estin und Freundin von uns, die in Viljandi studiert, aber aus Hiiumaa stammt, getroffen, deren Familie und Freunde uns noch mit dem Auto einige schöne Plätze gezeigt haben. Phuuuu, aber hinterher waren wir so fertig, dass wir ohne Essen in die Betten gefallen sind (wir durften bei Hedi schlafen :)) und unsere Beine immer noch schmerzten, als wir heute morgen um viertel nach 6 uns wieder auf die Räder schwangen um pünktlich die Fähre zu bekommen. Jaajaa, wir sind scho tapfa... Insgesamt die drei Tage übrigens mehr als 90km. Aber obwohl es manchmal sehr anstrengend war, hat es sich so unglaublich gelohnt, das Wetter war mehr als großartig, das Eis am Morgen auf den Feldern war wunderschön und das Blau der Seen und Bäche unbeschreiblich. Die nächste Woche werde ich zwar erstmal nicht auf einem Fahrrad verbringen (ich spüre den Sattel immer noch am Hintern...), aber mit Bildern im Kopf von schöner Natur, dem Gefühl von Wind in den Haaren und der zufriedenen Gewissheit in Estland einen Elch gesehen zu haben.

Mittwoch, April 25, 2007

Veränderungen


So. Das ist der Punkt. Punkt. Bis hierher und nicht weiter. Anlauf nehmen und Sprung. Es gibt Dinge, von denen man glaubt, dass sie einen das ganze Leben lang verfolgen, Sackgassen, an denen man nie weiter kommt, Dialoge, die in scheinbar endloser Monotonie immer und immer wieder gleich ablaufen und es gibt Dinge, die zeigen, dass man dem ein Ende setzen sollte. Dinge, wie die tote Spinne in meinem Handtuch, das seit ich-weiss-nicht-wieviel Wochen auf dem Boden unter meinem Waschbacken liegt. Diese zeigt nämlich einerseits, dass mein Handtuch schon so lange da liegt, dass sie Spinnen beherbergt und andererseits, dass mein Bad so versifft ist, dass dort keine Fliegen leben können, was ich als Todesursache der Genannten interpretiere. Aber jetzt ist Schluss damit. Das Handtuch samt Spinne wandert in die Waschmaschine und meine nächste freie Zeit werde ich mich mit Extreme-Säubern meines Bades und danach meines Zimmers verbringen. Dann mit Fahrrad fahren. Und dann mit glücklich sein. Nee, das als Allererstes.

Sonntag, April 22, 2007

Pildid















Die Strandpromenade von Haapsalu, einer schönen, kleinen Stadt an der estnischen Westküste.
















Die Mattisburg bzw. die Bischofsburg von Haapsalu, die aber tatsächlich von Ilon Wikland als Vorbild für die Burg in Ronja Räubertochter genommen wurde.
















Zwei nette Gestalten vor dem baltischen Meer.
















Boaaah, Aldaa, gugg ma..!! Was' das denn??

(Ana-Lena und ich in unserm Zimmer in Helsinki. Nüchtern.)

















Ein schöner Moment mit Ausblick auf die Küste von Helsinki.

















Finnische Felsenlandschaft, Klettereien und McDonald'sche Luftballons.

Donnerstag, April 19, 2007

And when the rain begins to fall...

geräuschkulisse: Die Diktatur der Angepassten - Blumfeld

Time goes by so fast, you've got to have a dream to just hold on... Viljandi ist grau und kalt und während ich hier in meinem Zimmer sitze, rüttelt der Wind an der Fensterscheiben und kündigt den Schnee der morgigen Tages an. Meine Stimmung gleicht dem Wetter draußen und nicht einmal die Aussicht, dass ich morgen nicht arbeiten muss, sondern mit Camille, Moos und Ruth auf die Geburtstagsfeier in ein anderes Projekt fahre, kann mich aufmuntern. Winter is back. Dabei waren die fünf Tage, die Thekla hier war, sehr sehr schön. Und plötzlich ist alles grau. Die Sonne, die uns vor einigen Tagen noch das Gesicht wärmte, ist weg. Ich bin müde und kaputt wie nach einer langen, langen Reise und mein Kopf ist schwer von dunklen Gedanken.

Naja, wie heisst es? - Der nächste Morgen kommt bestimmt...

Donnerstag, April 12, 2007

Head... kosmonautipäeva!

Hahahahaha, die Esten sind wirklich bekloppt! :) Ich liebe sie. Woraus man nicht alles einen "Feiertag" machen kann. Heute ist Kosmonautentag. Ja, richtig gelesen. Heute vor ich-weiss-nicht-wieviel Jahren ist Juri Gagarin als erster Mensch ins All geflogen und - ganz klar - das muss als wichtiger Tag im Kalendar festgehalten werden. Und tatsächlich fast jeder aus meiner Gruppe wusste wer Juri Gagarin war, das ist so krass. Ich habe mich aber nicht getraut zu fragen, ob sie auch immer noch Kosmonauten statt Astronauten sagen. Oh mann, was für ein verrücktes Land... Grüße aus der Sowjetunion.

Mittwoch, April 11, 2007

wieder da

geräuschkulisse: Ma liberté - Camille (in meinem Zimmer)

Helsinki ist schön und viel schöner als sie alle sagen. Ehrlich. Groß und laut und voll, aber mit einer sehr wundertollen Felsenküste und blauem Himmel und, äh ja, an manchen Stellen Schnee... und zugefrorenen Seen. Dummerweise habe ich ja meine ganzen Wintersachen zu Hause abgeladen und so war's dann beim ständigen Meerwind etwas, hmm, frisch :). Da ich aber über ein mir immer noch völlig überraschend gutes Immunsystem verfüge, bin ich mal wieder nicht krank geworden und das trotz nasser Füße! Und ich bin ebenfalls überraschend günstig in Helsinki ausgekommen, da wir uns die teure U-Bahn meist gespart haben und viel gelaufen sind, für 8 Euro soviel Pizza essen durften wie wir wollten und im Zimmer einer Freundin von Szilvia untergebracht waren. Das war wirklich sehr lieb, hatte aber den schweren Nachteil, dass die andern Drei (Ana-Lena, Camille und Simon) nicht vom folkigen Musikgeschmack der Zimmerinhaberin überzeugt waren und so lief die vier Tage (gegen meinen vehementen Widerstand) in Dauerrotation die No1-Platte der Beatles... Also ich hab ja nix gegen Beatles (und mein Livi-Trauma war eigentlich längst überwunden..), aber immer dieselben 27 Lieder...

Naja. Wie gesagt, Helsinki war kalt, aber sehr sonnig, deswegen sind wir den ganzen Tag (wenn wir nicht im großartigen Museum für moderne Kunst KIASMA waren) rumgerannt, an der Küste spazieren gegangen und nur eine Kirche besichtigt, die aber ganz toll war, da in Felsen gelegen und mit einem Ufo als Dach. Ich mag Helsinki. Aber wohnen möchte ich trotzdem nicht dort.

Sonst bin ich ganz fit und munter. Naja, oder so... Am Freitag kommt Thekla, worauf ich mich mega mega mässig freue, das heisst, wenn sie wirklich kommt, denn irgendwie weiss ich noch nix datenmässiges und das ist irgendwie, äh... naja, etwas verplant eben. So wie das wohl zu sein hat. Also, liebe Thekla, wenn du das hier liest, dann MELDE DICH doch bitte mal bei mir, ja? :)
So, mal schauen, vielleicht stell ich die Tage auch noch ein paar Bilder rauf, wenn ich Zeit und Geduld habe (die kommt mir hier nämlich des öfteren abhanden).

Das Schlusswort: Ich liebe meine Arbeit. Sehr.

Donnerstag, April 05, 2007

Merci, dass....

geräuschkulisse: Books from Boxes - Maximo Park

Sooo, hier sitze ich also wieder, in meinem ruhigen, kleinen Zimmerchen in Viljandi. Kein Familienkrach um mich herum, kein ständiges auf-die-Uhr-schauen, wann ich wohin muss, kein "Laura, jetzt mach doch mal auch was mit uns!, nie hast du Zeit!!". Nee, jetzt bin ich wieder hier, Ruhe, Entspanntheit und eine kleine Prise Einsamkeit. Aber nicht für lange, das weiss ich. Heute Abend solls losgehen auf unsere 4-Tages-Fahrt nach Helsinki, kaum dass mein Koffer ausgepackt ist. Mein Geldbeutel schluchzt jetzt schon (Helsinki soll SEHR teuer sein), meine Beine auch, aber ich bin hochmotiviert und freu mich wie eine, äh, Frühlingskönigin. Den Schnee haben wir hoffentlich hinter uns gelassen. Ich war jedenfalls ein wenig schockiert, als uns, als wir in Tallinn landeten, nur 3°C verkündet wurden. Naja. We are Volunteers, we can survive...

Ich wollte aber nochmal Merci beaucoup an alle sagen, mit denen ich Zeit verbringen durfte, auch wenn es nicht lange war. Es war ganz wunderschön, manchmal etwas strange, aber sehr sehr toll und ihr fehlt mir jetzt schon wieder. Bis bald.