Wir und Saaremaa und, ach ja, der Winter
Der Winter ist da. Er ist in meinem Zimmer, wenn ich morgens aufstehe und die Kälte durch die Fensterscheiben spüre, er ist auf meinem Weg zur Arbeit, wo die Sonne über glitzerndem Schnee aufgeht und es unter meinen Schuhen so schön knirscht und er war mit uns auf Saaremaa, wo wir vier Tage Abenteuer erlebt haben.Geplant war nicht viel für diesen Trip, außer dass wir in einem Holzhaus im Wald schlafen wollten und durch die Natur wandern. Gesagt, getan. Der Wintereinbruch kam genau zwei Tage vor unserm Start. Plötzlich war die Welt weiß und kalt. Sehr kalt. Aber wir sind ja hart im Nehmen. Also sind wir Donnerstag morgen in drei Teams zum Trampen gestartet (Ana-Lena und Anna-Lena (Germany), Camille und Christian (Germany), Charles und ich). Eigentlich hatten wir geplant, uns zu unterschiedlichen Zeiten an die Straße zu stellen, eben damit wir uns nicht in die Quere kommen, aber es hat wohl nicht sollen sein, und so trafen wir schließlich alle sechs doch wieder zusammen. Zum Glück mussten wir aber nicht lange warten und ein kleiner Bus hat doch tatsächlich uns alle sechs eingepackt und beinahe die Hälfte der Strecke mitgenommen :). Und auch der Rest des Weges war kein Problem, die Fährfahrt mit eisblauem Himmel und Sonne über dem Meer war schön und gegen Mittag waren wir in Kuressaare, der größten Stadt der Insel. Hier haben wir einen intressanten Nachmittag verbracht, die Wasserburg von Außen und von Innen bestaunt und einen bunten, bewegenden Sonnenuntergang erlebt. So einen, wie ihn der kleine Prinz so liebt. Wisst ihr noch?
Am Abend gings für uns dann in die Wildnis. Mit dem Bus sind wir fast bis ans Ende der Insel gefahren und nachdem wir den Busfahrer und die Restbusgäste überzeugt hatten, dass wir wirklich allein in unserer Hütte im Wald klar kommen, wurden wir aus dem Bus entlassen. Da standen wir nun, mit unsern Rucksäcken. Auf einer Straße, ich habe noch keine einsamere gesehen, um uns herum nur Bäume, in der Ferne heulte ein Hund und der Halbmond warf unsere langen Schatten auf die schneebedeckte Fahrbahn. Kein Licht, kein Weg, kein Plan. Aber dafür eine sehr nette Bushaltestelle, an der man uns rausgelassen hatte. Stellt euch vor, mitten in der Wildnis, ein winziges Häuschen, mit Glasscheiben in den Fenstern, Gardinen davor, Spiegel und eine Bank. Und die leeren Lampenschirme deuteten darauf hin, dass es sogar einmal Strom gegeben haben musste. Unser Notfallquartier (ohne Feuerstelle allerdings) hatten wir schon mal.
Glücklicherweise haben unsere starken Männer nach 1h Suchen und abgefrorenen Füßen unser richtiges Ziel gefunden und eine weitere Stunde später brannte in dem kleinen Kamin unseres bescheidenen Häuschens ein warmes, gemütliches Feuer, das das Eis der Fensterscheiben - von beiden Seiten gefroren - schmelzen ließ. Die Hütte war total urig, winzig und unheimlich gemütlich. Sie bestand eigentlich nur aus einem einzigen Raum mit einer Feuerstelle in einem Eck und Bänken und Tisch im anderen. Die mussten wir übrigens zum Schlafen raustragen, und auch so war nur soviel Platz, dass eine Person auf der einen Bank schlafen musste und die fünf anderen auf vier Isomatten auf dem Boden. Superkuschelig :). Allerdings auch superkalt, denn wer hat schon Lust, nachts aufzustehen und Holz nachzulegen, wenn es doch im Schlafsack viel angenehmer ist? - Zu Essen gab es Würstchen überm Feuer und zu Trinken Tee aus Schnee. Wer aufs Klo wollte, der musste sich durch mittlerweile 30cm Schnee hinter die Hütte zum Plumpsklo durchkämpfen.
An den Tagen machten wir Wanderungen durch den Wald und Camille durch den Matsch, verbrachten einen gemütlichen Nachmittag vorm Feuer, sahen dem Schneesturm durch die Fensterscheiben zu und dachten über dies und das.
Die dritte Nacht durften wir dann in Kuressaare in einem Kinderheim schlafen (das lief über den Arbeitsplatz von den andern; nicht dass ihr denkt, wir hätten um Asyl gebettelt :)), wo wir mit Gymnastikgeräten und Videokamera allerlei Unsinn veranstaltet haben. War sehr lustig.
Auf unserm Rückweg (diesmal aufgrund äußerlicher nicht mehr vorhandener Reinheit kein Trampen) haben wir noch einen Abstecher nach Valjala gemacht, wo wir eine Burg anschauen wollten. Die Burg existierte zwar nicht, dafür aber eine Kirche, die die älteste in Estland ist (oder so...) und ein Kaufladen. Und das wars. Ehrlich. Kaffiger gehts echt nicht. Die Hauptattraktion in diesem Dorf waren wir selbst mit unsern Traveller-Rucksäcken und dem leicht verpeilten Ausdruck in unsern Gesichtern. Aber war nicht schlimm, so waren wir eben wieder in der Natur mit noch mehr Schnee, übrigens, mittlerweile musste wir uns durch beinahe einen Meter Schnee kämpfen. Aber es war herrlich still auf dem Hügel, wo wir Picknick gemacht haben und die Sonne auf unsern Gesichtern hat uns sogar ein bisschen gewärmt. Später wurden wir noch von netten Valjalabewohnern ins Tagescenter des Dorfes eingeladen (man hatte wohl Mitleid mit uns), wo wir Tee kochen und uns ein bisschen aufwärmen durften. Echt, total nett. Ich weiß nicht, ob uns das in Deutschland passiert wäre. Naja, einige Schneeballschlachten später saßen wir dann in unserm Bus wieder Richtung Viljandi, kaputt und müde, aber am Leben und nicht halbtot, wie sie uns alle prophezeiten, die unsere Idee für Wahnwitz hielten. Satz der Reise war übrigens: Scheiße, ist das kalt! Und das müsst ihr euch noch mit französischem Akzent vorstellen. :)

4 Comments:
Man Lora! Das hört sich ja echt klasse an!!! Und das Bild!!!! *Neid*!!!!!Bis Sonntag!Liebe Grüße
Kenny
Das hört sich voll schön an! Die Kälte war es definitiv wert. :)
Bei mir gibt es eigentlich nicht so viel neues, abgesehen von verschiedenen Männergeschichten ;). Aber wir haben heute bestätigt bekommen, dass wir unsere Traum-Studentenbude für nächstes Jahr haben können!
Wir waren nämlich am Mittwoch in der Stadt und haben uns nach Wohnungen/Häusern umgeschaut und dieses kleine Haus hat allen voll gefallen. Es liegt an der Marina, hat einen kleinen Garten und hat sogar einen Namen, irgendwas mit Villa, obwohl es gar keine ist. Das einzige Problem ist, dass ich einen längeren Weg zu meinen Vorlesungen habe, aber das ist mir jetzt auch egal. Ich bin so erleichtert, dass wir endlich etwas haben, dass allen gefällt!
Oh man, das klingt ja voll schön...
Ich weiß grade nicht ob ich dich für den WInter beneiden soll oder hoffen soll, dass er dieses Jahr komplett an mir vorbeigeht, so verfroren wie ich bin ^^
Muss echt genial gewesen sein *schmunzel*
Fühl dich mal aus dem grauen Kaiserslautern geknuddelt
for the nice memory of a trip in a middle of nowhere!
thanks for save me of the water
it will stay in my heart forever
hahaha
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